Mythos Popcorn-Lunge: Diacetyl in E-Liquids

Schiefertafel mit der chemischen Formel von Diacetyl

Die folgenden drei Worte bilden seit dem Dezember 2015 eine Art unheilvolles Trio: E-Zigaretten Diacetyl Popcorn-Lunge. Wir möchten vorwegnehmen, dass wir in diesem Artikel lediglich die neusten Erkenntnisse mit kritischen Studien abgleichen, um vielen Dampfern die Unsicherheit zu nehmen. Viele E-Zigaretten-Konsumenten sind den Mythos einer Verbindung zwischen diesen drei Begriffen nämlich bereits Leid, während andere weiterhin verunsichert sind. Denn am 09.12.2015 veröffentlichte Stern.de einen Artikel „Gefährliche Chemikalien in E-Zigaretten gefunden“. Am 11.12.2015 zog die BILD nach und veröffentlichte den Artikel „Von E-Zigaretten kriegt man eine Popcorn-Lunge“. Damit reagierten die Blätter auf eine Studie von Harvard-Forschern, die den Schluss zuließe, dass das Dampfen von E-Zigaretten-Liquids, aufgrund des angeblich darin enthaltenen Diacetyls, zu einer Popcorn-Lunge (Bronchitis obliterans) führen könne. Und das, obwohl in der von der Harvard School of Public Health veröffentlichten Studie durchgehend im Konjunktiv formuliert wird und es darin keinen nachweislichen Zusammenhang zwischen Diacetyl und der Atemwegserkrankung gibt.

 

Nicht die Studie ist das Problem, sondern die Berichterstattung

Davon ist im Echo der Medienlandschaft auf die Studie nichts mehr übrig geblieben. Die Schlagworte lauteten fortan „giftig“ oder „stark gesundheitsgefährdend“. Ignoriert wird dabei einerseits, dass aus 7.000 in den USA verfügbaren Liquids nur 51 getestet wurden und andererseits, dass 33 der 51 geprüften Liquids komplett frei von Diacetyl oder lediglich minimal mit ca. 2,3 Mikrogramm (µg) belastet waren. Und das war auch abzusehen, da in hochwertigen Liquids eigentlich überhaupt kein Diacetyl zu finden seien sollte. Die meisten europäischen Hersteller verzichten schon lange komplett darauf. Die übrigen 18 Liquids wiesen einen durchschnittlichen Gehalt von rund µg auf. Nun geht es also darum zu verstehen, ob dieser Wert überhaupt gesundheitsgefährdend ist und ihn dann in Relation zu setzen. Grundsätzlich rüttelt die mediale Berichterstattung ungerechtfertigterweise an der Feststellung, dass der beim Dampfen entstehende Nebel wesentlich unschädlicher ist als der Tabakrauch einer herkömmlichen Zigarette. Aber wieso, wenn die in einer Tabakzigarette enthaltene Diacetyl-Menge 750mal größer ist als die in den 18 (von 51) geprüften E-Liquids? Nur eine von vielen Ungereimtheiten und Verwirrungen, welche die Studie mit sich bringt. Aufgedeckt wurde diese Tatsache durch eine differenzierte Analyse der Harvard Studie durch Prof. Michael Siegel von der Boston University auf Health. Auch ein Zitat eines Wissenschaftlers zum Thema ist sehr aufschlussreich. Mit dieser Aussage kommentiert Prof. Jean-Francois Etter von der Universität Genf die Aussichten, wenn die Menschen solch einer gezielt gestreuten, aber schlecht recherchierten Berichterstattung glauben.

„Weniger Raucher steigen um. Und wenn weniger umsteigen, sterben mehr“

– Quelle: http://www.watson.ch/Front/articles/631115033-Keine-Panik%2C-liebe-Raucher%3A-Ihr-dürft-auf-E-Zigis-umsteigen

Wir möchten dieses Zitat hier nicht als Tatsache darstellen. Allerdings zeigt es sehr gut, wie scharf auch angesehene Wissenschaftler die Behauptungen rund um einen Zusammenhang zwischen Dampfen und Popcorn-Lunge kritisieren.

Was ist eine Popcorn-Lunge eigentlich?

Diacetyl ist in Mikrowellenpopcorn enthalten

Eigentlich sagt der Name schon alles – Diacetyl wird vor allem für Mikrowellenpopcorn verwendet – Bildnachweis: fotolia #93861366 / marcovector

Zuerst fällt auf, dass die zunehmende Bekanntheit des Begriffs „Popcorn-Lunge“ eng verknüpft ist mit der zunehmenden Popularität der E-Zigarette. Doch eigentlich entstammt der Begriff einem ganz anderen Umfeld, wie der Name schon vermuten lässt: der Produktion von Mikrowellenpopcorn.  Denn dieses enthält Diacetyl, die organisch-chemische Verbindung aus Ketonen und Diketonen, welche einen intensiven Geschmack und Geruch nach Butter ergibt und Bestandteil des natürlichen Butteraromas ist. Deshalb wird es natürlich für die Popcorn-Produktion verwendet. Als man ca. 2005 feststellte, dass bei Arbeitern in Fabriken für Mikrowellenpopcorn die sogenannte Bronchiolitis obliterans (BO), der eigentliche Name der „Popcorn-Lunge“, gehäuft vorkam, erhielt diese die Bezeichnung „Popcorn Worker’s Lung“. Ob das gerechtfertigt ist, klären wir später. Die umgangssprachliche Bezeichnung der Atemwegserkrankung hat also schon einmal recht wenig mit dem Dampf elektrischer Zigaretten zu tun. Doch trotz der recht lustigen Bezeichnung, handelt es sich dabei um eine sehr ernste Krankheit. Diese führt zu einer permanenten Entzündung der Bronchien, ohne Aussicht auf komplette Heilung. Die Folgen sind schwere Atemprobleme, selten sogar Atemstillstand. Umso fataler, dass Kritiker und Wissenschaftlicher sich diese schwere Krankheit zu Nutze machen, um den Konsum von E-Zigaretten unberechtigt einen faden Beigeschmack zu verleihen. Denn weder enthalten alle Liquids überhaupt Diacetyl noch ist die Konzentration in denen, die es enthalten, gesundheitsgefährdend. 

 

E-Zigarette & Tabakzigarette – der Vergleich

Wie bereits erwähnt, ist bei Weitem nicht in allen Liquids das Butteraroma Diacetyl enthalten, während in denen, die es enthalten, im Schnitt 9 µg gefunden wurden. Ist dieser Wert nun gefährlich? Das kann nur ein Vergleich zwischen E-Zigaretten-Dampf und dem Tabakzigaretten-Rauch deutlich machen. Denn auch in herkömmlichen Zigaretten ist das Butteraroma enthalten. Wir erwähnten bereits, dass die Konzentration in einer einzelnen Tabakzigaretten mit ca. 301 bis 433 µg rund 750-fach so hoch ist wie in einigen Liquids. In Zahlen bedeutet das, dass ein Raucher, der pro Tag eine Schachtel Zigaretten konsumiert, 6020 bis 8.660 µg Diacetyl zu sich nimmt. Beim Konsum einer durchschnittlichen täglichen Liquid-Menge, nimmt man lediglich ca. 9 µg zu sich, sofern die verwendeten Liquids das Aroma überhaupt enthalten. Das am stärksten belastete Liquid, welches im Rahmen der Studie getestet wurde, war das Aroma „Pfirsich Schnaps“ mit einem Gehalt von ca. 230 µg. Selbst das ist im Vergleich zur Tabakzigarette noch relativ wenig. Als erstes kommt nun die Frage auf, wieso nicht mehr Raucher an der Popcorn-Lunge erkranken, obwohl die Konzentration um ein Vielfaches höher ist.

Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Weil nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen kein Zusammenhang zwischen den in einigen E-Liquids gefundenen Mengen Diacetyl und dem Ausbruch der Bronchiolitis obliterans besteht! Das bezieht sich übrigens auch auf die vermuteten Zusammenhänge zwischen der Produktion von Mikrowellenpopcorn und den erkrankten Arbeitern sowie auf Tabakzigaretten. Auch das mit Abstand am stärksten „belastete“ Liquid mit 230 Mikrogramm, stellt nach diesen Erkenntnissen kein direktes Risiko für die Gesundheit dar. Nachfolgend finden Sie eine Auflistung aller von den Harvard-Forschern geprüften Liquids. 

 

Tabelle der Diacetyl Anteile in geprueften Liquids

Legende: Alle Angaben in Mikrogramm (µg – Millionstel Gramm), LOD = Limit of detection – Ab diesem Wert konnte man allgemein sagen, dass der Stoff enthalten ist. LOQ = Limit of quantification – Ab diesem Wert konnte man genau beziffern, wie viel enthalten ist. <LOD = Kein Stoff enthalten, oder weniger als 0,05 µg. <LOQ = Man kann aber nicht genau sagen „wie viel“ Diacetyl, Acetoin oder 2,3-butanedione enthalten sind (zwischen 0,05 und 2,3 µg).

 

Was sind „zu hohe“ Dosen Diacetyl und führen sie zwangsläufig zur Popcorn-Lunge?

Laut einer gut zusammengefassten sowie fundierten Analyse & Meinung über die Harvard Studie sind es 2.864 µg ab dem das Risiko erhöht ist, an der Popcorn-Lunge zu erkranken. Dieser Wert basiert auf einer Analyse und Berechnung des niedrigsten Wertes, dem ein nachweislich an BO Erkrankter Popcornfabrik-Arbeiter ausgesetzt war. 

Themenrelevantes Beispiel: Ein Raucher der umgestiegen ist und vormals den Rauch von einer Schachtel, ca. 20 Zigaretten, am Tag inhaliert hat, nahm dabei ca. 6.020 bis 8.660 µg Diacetyl am Tag auf. Als E-Zigarettenkonsument reduziert sich dieser Wert auf ca. 9 µg am Tag. Und dieser Wert stammt aus der offiziellen Harvard-Studie. Der ehemalige Raucher und heutige Dampfer nimmt jetzt also bis zu 962 mal weniger Diacetyl am Tag auf als vorher. Der in der Studie von Joseph G. Allen und Kollegen ermittelte Durchschnittswert von 9 µg pro Liquid ist also sicherlich nicht das, was man als „Risikofaktor“ bezeichnen könnte.

Da wir nun wissen, dass ein Raucher ca. 6.020 bis 8.660 Mikrogramm Diacetyl am Tag aufnimmt und der niedrigste Wert bei einem Erkrankten bei ca. 2.900 Mikrogramm lag, drängt sich uns die Frage auf, ob nicht eher Raucher Angst haben sollten, an der Popcorn-Lunge zu erkranken. Nein, sollten sie nicht.

Das belegt eine Studie und Analyse der Verbindungen zwischen Diacetyl, Acetylpropionyl und BO. Darin fanden die Forscher keinerlei Zusammenhang zwischen den Inhaltsstoffen und der Erkrankung.

„Further, because smoking has not been shown to be a risk factor for bronchiolitis obliterans, our findings are inconsistent with claims that diacetyl and/or 2,3-pentanedione exposure are risk factors for this disease.“

– Quelle: Die Studie „Diacetyl and 2,3-pentanedione exposures associated with cigarette smoking: implications for risk assessment of food and flavoring workers.“

Eine weitere Studie geht sogar soweit, dass sie die ursprünglichen Zusammenhänge zwischen Mikrowellenpopcorn und BO in Frage stellt bzw. ausschließt. Dabei handelt es sich um die Studie „Evaluation of pulmonary function within a cohort of flavorings workers“. Eine weitere Studie aus dem Jahr 2014 von B. Starek-Swiechowicz und A. Starek sieht Diacetyl zwar als eine von vielen möglichen Faktoren für das Ausbrechen von BO. Allerdings nicht bei den nachgewiesenen Konzentrationen und auch allgemein nicht in Form von verarbeiteten Produkten.

 

Europäische Dampfer sind auf der sicheren Seite

Deshalb verzichten seriöse und hochwertige Hersteller auf die Verwendung von Butteraromen bei der Herstellung von Liquids. Europäische Fans der E-Zigarette sind ohnehin auf der sicheren Seite, denn hier verzichten die Hersteller schon lange komplett auf die Zugabe von Diacetyl. In der Studie der Harvard Forscher wurden ausschließlich amerikanische Liquids getestet, weshalb sich die Frage aufdrängt, ob die Studie überhaupt Bedeutung für den europäischen Markt hat und warum das negative Medien-Echo hier trotzdem am größten ist. Die EU-Tabakrichtlinie (2014/40/EU), welche im Mai 2016 in Kraft trat, schafft hier zusätzliche Sicherheit. Denn in ihr wird auch die Regulierung des einheitlichen Produktionsverfahrens für Liquids in der EU festgeschrieben.

Insgesamt kann man somit abschließend sagen, dass die teilweise ermittelte Diacetyl-Konzentration viel zu gering ist, um für Dampfer eine Gefahr darzustellen. Für europäische Nutzer gibt es zusätzlich die Sicherheit, dass die meisten Hersteller weder Diacetyl noch verwandte Stoffe verwenden. Im Zusammenhang mit Tabak existiert eine lange Liste von ernsthaften möglichen Erkrankungen. Doch trotz der 750-fachen Konzentration an Diacetyl steht auch auf dieser Liste nirgendwo die Popcorn-Lunge. Ob diese Tatsache ein Hinweis auf die Förderer der Harvard-Studie seien könnte? Das können und werden wir natürlich nicht für Sie beantworten. 

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Bildnachweise:

  1. Titelbild: fotolia #87379009 / Zerbor

One thought on “Mythos Popcorn-Lunge: Diacetyl in E-Liquids

  1. Dominik

    Ich finde eure Produkte und Aufklärungsarbeit genial!
    Schon oft konnte ich skeptische Zungen mit Argumenten Mundtot machen, durch das hier präsentierte Wissen.

    Antworten

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